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Gewalt im Fußball

Gewalt gegen Schiedsrichter in unterklassigen Ligen - Meldungen zu diesem Thema häufen sich deutschlandweit. Ein neues Problemfeld oder Einzelfälle? Ein Unparteiischer berichtet von Bedrohungen und Schlägen in der Kreisliga.

 

Ein Plakat des Fußball-Verbandes Mittelrhein. (Bild: FVM)KÖLN - Nein, im Spiel sei eigentlich nichts Ungewöhnliches vorgefallen, sagt Stefan Alt, 42 Jahre. Er als Schiedsrichter kann ja nichts dafür, wenn die eine Mannschaft aus ihren Freistößen ein Tor macht und die andere nicht. „Wichser“ hat ihn trotzdem einer nach dem Gegentor betitelt, den hat er hinter die Bande geschickt. Das ist Stefan Alt gewohnt. Unruhig wird er erst, als die Pöbeleien in die Verlängerung gehen und nicht mehr auf dem Spielfeld stattfinden, sondern - nach Schlusspfiff - vor seiner Kabine. Er wird bedroht. „Ich schlag dich tot“, ruft einer. Da wählt er die 110.

Stefan Alt erzählt: „Wir standen in der Kabine wie die Kaninchen vor der Schlange. Ich wollte dann nach fünf bis zehn Minuten mal nachsehen, wo die Polizei bleibt, und stand dann dem Vermummten gegenüber, der einen Motorradhelm getragen hat und wiederum die Drohung ausgestoßen hat: »Ich schlag dich tot.« Im nächsten Moment habe ich einen Faustschlag gegen die Schläfe bekommen, und dann bin ich zu Boden gegangen, mit dem Hinterkopf aufgeschlagen, war zwar nicht bewusstlos, aber schon schwer gezeichnet und benommen.“

Stefan Alt pfeift Kreisliga-Spiele im Bereich des Fußball-Verbands Mittelrhein. Das bedeutet: Keine Ordner, keine Polizei, keine Fernsehkameras. Und wenn er Linienrichter dabei hat, sind die jung und unerfahren. Er muss sich darauf verlassen, dass alles ruhig bleibt, die Spieler sich aufs Angreifen und Verteidigen konzentrieren, die Trainer auf das Coachen und die Zuschauer aufs Anfeuern.

Aber das ist nicht immer so. Die Meldungen von Zwischenfällen häufen sich, auch in anderen Verbänden. Der 14-Jährige in Knapendorf (Saalekreis), der von Seniorenspielern umzingelt und von einem körperlich angegangen wird. Der Schiedsrichter in Berlin, der nach einem Faustschlag bewusstlos zu Boden geht, seine Zunge verschluckt und vor dem Ersticken gerettet werden muss. Oder der Unparteiische, dem in Dortmund in der Kabine ins Gesicht geschlagen wird. Der Fußball hat ein Problem mit Gewalt gegen Schiedsrichter, sagen die einen. So wie der Frankfurter Kreisschiedsrichterobmann Mathias Lippert: „Schiedsrichter werden in den Unterleib getreten, ins Gesicht geschlagen oder mit Eisklumpen aus dem Medizinkoffer beworfen. So macht es keinen Spaß mehr.“ Oder der Gelsenkirchener Obmann Werner Schütte: „Es ist ein Trauerspiel, dass der schöne Sport von einigen wenigen kaputtgemacht wird.“

Stefan Alt: „Nach Spielende sagte einer meiner Assistenten, dass er beleidigt und bedroht worden ist. Der Betreuer hätte behauptet, mein Assistent wäre bekifft, und nach dem Spiel würde er ihn totschlagen. Da habe ich zu ihm gesagt: »Junge, das hättest du mir früher sagen müssen.« Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn sofort vom Sportplatz entfernen lassen.“

Einzelfälle, sagen die anderen. „Tragisch“, sagt Stephan Osnabrügge, Vizepräsident des Fußballverbands Mittelrhein. „Aber der Fußball hat kein aktuelles Gewaltproblem.“ Er erinnere sich noch genau. In den 80ern, als er noch selber als Schiedsrichter über die Plätze lief, gab es diese eine Szene: Die Zuschauer wollten den Platz stürmen, nur Ordner hielten sie zurück. Das Schiedsrichterwesen sei jedenfalls nicht bedroht, das Thema koche einfach immer mal wieder hoch. So wie in Berlin. Dort hängt ein Schild an einer rot-weißen Stange. „Spiel fällt aus! Kein Schiedsrichter.“ Im Hintergrund ein leerer grüner Rasen hinter einer Tartanbahn. Ganz unten auf dem Plakat steht weiß auf roten Grund geschrieben: „Muss es so weit kommen?“

Die Verantwortlichen des Berliner Fußballverbands wollen aufrütteln, trotzdem sind sie vorsichtig mit Aussagen wie: „Die Gewalt wird mehr.“ Denn die nackten Zahlen können auch dort diese These nicht belegen. Elf Spielabbrüche hat es an den ersten Spieltagen bereits gegeben. Im letzten Jahr waren es zu diesem Zeitpunkt der Saison „sechs oder sieben", bis Saisonende wurden 40 Spielabbrüche gezählt. Steigende Gewalt auf dem Platz haben sie aus diesen Zahlen nicht herausgelesen, sondern dass die Gewalt gegen Schiedsrichter intensiver wird. Deshalb machen sie sich Sorgen, deshalb haben die Schiedsrichter in Berlin ein Zeichen gesetzt: Fünf Minuten lang unterbrachen sie an einem Spieltag die Partien, Bundesliga-Referee Felix Zwayer pfiff aus Solidarität ein Kreisliga-B-Spiel. Aber auch an jenem Wochenende mussten wieder drei Partien abgebrochen werden.

Stefan Alt: „Nein, vorbereitet wurde ich auf eine solche Situation nicht. Das Thema Gewalt kam aber schon bei meiner Schiedsrichterprüfung auf. Eine Frage war: »Welchen Zweck hat der Mittelkreis?« Und einer hat dann geantwortet: »Der Mittelkreis ist der Schutzkreis des Schiedsrichters, hier darf er nicht geschlagen werden«.“

Vor allem eins aber eint die Verbände und die Schiedsrichter: Die Frage nach dem Warum. „Ein gesellschaftliches Problem“, sagt Lutz Wagner, DFB-Lehrwart. „Auf U-Bahnhöfen werden Fahrgäste attackiert, in Schulen werden Schüler verschmäht und auf den Sportplätzen die Schiedsrichter verprügelt“, sagt Kevin Langner vom Berliner Fußball-Verband. „Das hat nichts mit Fußball zu tun“, sagt Stephan Osnabrügge. Der Fußball sei ein Ventil, das soziale Spannungen widerspiegele, aber nicht lösen kann. „Wir können ja auch nicht die Arbeitslosenzahlen abschaffen, Familien zufrieden machen oder die Steuern senken.“ Es werde vieles versucht, sagen die Verbände, mit Plakaten, Aktionen und Projekten, aber alles könne man einfach nicht verhindern.

Stefan Alt: „Ich bin ja ein alter Hase als Schiedsrichter. Wenn ich wegen so etwas die Pfeife hinwerfen würde, dann würde ich denen noch Wasser auf die Mühlen schütten. Das werde ich sicherlich nicht machen, ich habe am Sonntag mein nächstes Spiel zu pfeifen.